Familientherapie

Familientherapie geht davon aus, dass das Verhalten und Erleben des Einzelnen untrennbar mit dem familiären Zusammenhang verwoben ist. Sie hat sich seit den 1950er-Jahren aus der systemischen Sichtweise entwickelt und betrachtet Familie als ein lebendiges Beziehungssystem, in dem jede*r Einzelne mit den anderen in ständiger Wechselwirkung steht.

Ein zentraler Bestandteil der systemischen Arbeit ist die Drei-Generationen-Perspektive: Erfahrungen, Muster und auch Verletzungen wirken oft über Generationen hinweg fort. Belastungen, ungelöste Konflikte oder Traumata in der Eltern- oder Großelterngeneration können – häufig unbewusst – Einfluss auf heutige Beziehungen, das familiäre Klima oder auch das Verhalten von Kindern und Jugendlichen haben.

Von besonderer Bedeutung sind dabei die frühen Beziehungs- und Bindungserfahrungen, die wir in der Herkunftsfamilie gemacht haben: Ob wir uns geliebt, gesehen und gewürdigt gefühlt haben, prägt unser Selbstwertgefühl, unser emotionales Erleben und unser Beziehungserleben – auch in der Partnerschaft. Denn in Paarbeziehungen wirken häufig unbewusst weitergetragene Muster: Nähe, Konflikte, Rückzug, Erwartungshaltungen oder die Fähigkeit, Bedürfnisse zu äußern – all das ist oft tief verankert in erlernten Beziehungsmodellen aus der Kindheit.

Auch Glaubenssätze, wie z. B. „Ich muss stark sein“, „Ich darf keine Schwäche zeigen“ oder „Ich bin nur dann etwas wert, wenn ich leiste“, stammen häufig aus früheren familiären oder gesellschaftlichen Kontexten. Diese inneren Überzeugungen beeinflussen sowohl das eigene Selbstbild als auch das Miteinander – in Familien ebenso wie in Paarbeziehungen.

Erkenntnisse aus der Epigenetik bestätigen diese systemische Sicht: Erfahrungen – auch schmerzhafte oder traumatische – können biologische Spuren hinterlassen, die an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Das bedeutet: Die Vergangenheit ist in uns wirksam – aber sie ist nicht unser Schicksal.

Typische Anlässe für eine Familientherapie können sein:

  • Anhaltende Konflikte zwischen Eltern und Kindern
  • Schwierigkeiten in Paarbeziehungen, die sich auf das Familiensystem auswirken
  • Übergänge und Belastungssituationen (z. B. Trennung, Krankheit, Verlust, Patchwork-Konstellationen)
  • Wiederkehrende Beziehungsmuster oder Rollenverstrickungen
  • Unterschiedliche Vorstellungen in Erziehung und Partnerschaft
  • Unverarbeitete Verletzungen aus der eigenen Kindheit, die heute – oft gegen den eigenen Willen – das Verhalten gegenüber den eigenen Kindern beeinflussen können: etwa durch Ungeduld, emotionales Rückzugsverhalten, Lautwerden oder grenzverletzendes Verhalten
  • Symptome oder Krisen bei einem Familienmitglied, die das gesamte System betreffen

Ablauf und Umfang:

Die Dauer und Häufigkeit einer Familientherapie richten sich nach dem Anliegen, den beteiligten Personen und den Themen, die zur Sprache kommen. Erfahrungsgemäß umfasst ein therapeutischer Prozess zwischen 5 und 25 Sitzungen, meist im zwei- bis vierwöchigen Rhythmus. In einem Erstgespräch klären wir gemeinsam, was Sie beschäftigt, wer teilnehmen sollte und welcher Rahmen stimmig ist.

Trotz typischer, wiederkehrender familiärer Dynamiken gilt: Jedes Familiensystem ist einzigartig. Seine Geschichte, seine Prägungen, seine Verletzlichkeit – und auch sein Potenzial. In einer achtsamen, sicheren und feinen gemeinsamen Arbeit können blockierende Muster erkannt, gewürdigt und Schritt für Schritt verändert werden. Das Ziel ist nicht Perfektion, sondern ein lebendiges, tragfähiges Miteinander.

Als erwachsene Generation haben wir die Möglichkeit – und auch die Verantwortung –, heilsame Impulse zu setzen, Ressourcen zu erkennen, aktivieren und neue, gute Erfahrungen in das System einzuladen.

Dass dies möglich ist, ist ein wesentlicher Grund für meine Faszination und mein tiefes Vertrauen in die Kraft der Familientherapie.